Sonntag, 2. Juli 2023

Bücherwelten: Xiaolu Guo's Roman „Ein UFO, dachte sie“

Der Roman erschien im Original im Jahr 2009 und spielt in einem chinesischen Provinzdorf. Formal ist es ein Science Fiction, dessen Handlung in den Jahren 2012 – 2015 spielt. 

Der Roman setzt sich ganz wesentlich aus Verhörprotokollen zusammen. Am Anfang steht die UFO-Sichtung einer jungen Bäuerin. Nebenbei rettet sie einen verletzten US-amerikanischen Touristen. Pflichtgemäß erstattet sie Bericht im Rathaus. 

Die Ortsvorsteherin dort erstattet nach oben Bericht und weiß im Übrigen die Chance zu nutzen, die Dorfentwicklung voranzubringen. Zwei ermittelnde Beamte der nationalen Sicherheitsbehörde kommen, vernehmen viele Dorfbewohner*innen, ermitteln deren Tagesablauf, haben auch die Ortsvorsteherin im Blick. Das UFO-Problem können sie nicht lösen. 

Geld fließt in die Dorfentwicklung, die Ortsvorsteherin hat große Pläne, auch werden sicher Tourist*innen kommen. Straßen, Kanäle, neue Häuser, Supermarkt, Gewerbegebiete, Museum und UFO-Denkmal werden gebaut. In kürzester Zeit ist das Dorf zerstört, der Fluss verseucht, Reis- und Teefelder verschwunden, die heiligen Bäume umgehauen. Nahezu alle Dorfbewohner*innen stehen als Verlierer da, mussten ihr Land ohne nennenswerte Entschädigung für die „Entwicklung“ hergeben, hatten als Analphabet*innen keine Chance für einen Neuanfang. 

Tja, spielt in China – und doch kommt einem das alles irgendwie vertraut vor. Beispielsweise, wenn man an Lars Jessen's herausragenden Film „Mittagsstunde“ aus dem letzten Jahr denkt, der den Niedergang eines niedersächsischen Dorfes im Namen der „Entwicklung“ schildert – nur reichen dort die verkehrs-, agrar- und wirtschaftspolitischen Fehlentscheidungen 50 Jahre zurück, und es passiert nicht alles in 3 Jahren. 

Frau Guo zog mit 29 Jahren nach England – sonst hätte sie diesen Roman sicher nicht veröffentlichen können. 

„Ein Unterhaltungsroman mit politischem Hintersinn“, meint literaturkritik.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen