Eine Reise nach Istanbul.
Immerhin, dies war nun schon der dritte Roman einer türkischen Autor:in, den ich innerhalb des letzten Jahres gelesen habe. Aber dies sind wohl auch die bisher einzigen in meinem nicht mehr allzu jungen Leben – und die Lücken sind riesig, wobei es vermutlich noch viel türkische Literatur zu entdecken gibt.
In „Der Bastard von Istanbul“ (orig.: The Bastard of Istanbul, 2006) reist ein US-amerikanisches Mädchen mit armenischen Wurzeln (Vater) – inspiriert von den ihr nicht persönlich bekannten Mitgliedern eines Chat-Rooms, in dem sie als „Meine-Seele-im-Exil“ verkehrt - heimlich nach Istanbul, um den Rätseln um ihre zuvor nie gesehenen Verwandten nachzuspüren. Sie schlägt dort in einem Mehr-Generationen-Frauen-Haushalt auf, der wie selbstverständlich davon ausgeht, dass sie von ihren ausgewanderten Verwandten geschickt worden sei.
Die Frauen dort gehen verschiedenen Berufen nach als Lehrerin, Wahrsagerin, Tattoo-Studio-Inhaberin. Die Omas sind im Ruhestand, aber es gibt auch eine jüngste, unangepasste Tochter, die ihre Mutter wie deren Schwestern seit jeher nur „Tante“ nennt. In deren Zimmer wird sie ungefragt einquartiert.
Die beiden Mädchen kommen sich näher, auch weil sie als Amerikanerin kein Türkisch spricht und die älteren Frauen kein Wort Englisch. Sie erkunden Istanbul, aber das amerikanische Mädchen merkt bald, dass ihre Begleiterin auch nichts weiß über die Vergangenheit, noch nicht mal, wer ihr Vater ist. Sie meldet „Ein-Mädchen-namens-Türkin“ im Chatroom an, während diese sie auch in ihr Istanbuler Lieblingscafé mitnimmt und dort ihren Bekannten, oft eher verkrachten Existenzen, vorstellt.
Die Mädchen erfahren nicht viel über die Vergangenheit ihrer Familien. Dennoch führt der Roman streckenweise bis zu 100 Jahre zurück, denn die Wahrsagerin hat Gewalt über zwei Dschinns, „Frau Süß“ und „Herr Bitter“. Die Dschinns sitzen manchmal, wenn sie in ihrem stillen Kämmerchen ist, auf ihrer Schulter und erzählen Geschichten. Die alte Frau muss sich nur trauen, die richtigen Fragen zu stellen und die Geschichten weiterzuerzählen. Doch das kann sie oft nicht, denn es gibt sehr finstere Geheimnisse.
Frau Shafak, die mit Sicherheit heute zu den bekanntesten türkischen Schriftstellerinnen gehört, hat hier einen wirklich tollen Roman geschrieben, den Frau Gräbener-Müller ansprechend übersetzt hat. Der Staat war weniger begeistert und wollte sie ins Gefängnis stecken. Auch hierbei kann man von einer mindestens hundertjährigen Tradition sprechen.
„Ein grandioser Familienroman und ein Parforceritt durch hundert Jahre türkischer und osmanischer Geschichte“, meint literaturkritik.
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