Montag, 8. Mai 2023

Bücherwelten: Sayaka Murata's Roman „Das Seidenraupenzimmer“

Im letzten Jahr las ich schon „Die Ladenhüterin“. Der neuere Roman „Das Seidenraupenzimmer“ (orig.: 2018) ist noch deutlich bizarrer geraten. Er handelt von einer Frau und ihren „zwei Ehemännern“. Er hat viel mit bizarren Verschwörungstheorien zu tun, denen hier Taten folgen. 

Anfangs geht es noch um Kinderphantasien. Als Kind hält sich das Mädchen für eine Außerirdische. Die alltäglichen Riten im Familienleben erscheinen ihr oftmals schon dubios. Im Sommer fährt die Familie immer für ein paar Wochen hoch in die Berge zu Verwandten in einem kleinen Dorf. Dort hat sie auch einen etwa gleichaltrigen Freund aus der Verwandtschaft. Irgendwann stirbt dort eine Oma und nach den Beerdigungszeremonien trifft sie sich zu nächtlicher Stunde am Grab mit ihrem Freund. Sie beschließen dort zu heiraten und schwören sich ewige Treue, tauschen auch Ritualgegenstände aus. 

Ein, zwei Sommer später kommen sie zu dem Ergebnis, dass zur Ehe Sex gehört, den sie am Grab zelebrieren. Sie werden jedoch entdeckt und lösen damit einen innerfamiliären Skandal aus. Mit den Sommerurlauben ist es dann vorbei. Währenddessen, in der Schule, wird das Mädchen gelegentlich von ihrem Lehrer missbraucht. Bis sie sich durch ein Ritual von ihm lösen kann. 

Die Geschichte macht dann einen Zeitsprung von etwa 20 Jahren. Als junge Frau heiratet sie einen Mann, den sie über seine Kontaktanzeige im Internet kennenlernt. Beide wollen nix mit Sex zu tun haben, das gehört zu ihrem Ehevertrag. Sie wollen auf keinen Fall Teil der „Fabrik“ werden, in der es darum geht, Kinder zu zeugen. Beide haben Angst vor der „Gehirnwäsche“, also Verwandten, Bekannten, Arbeitskolleg*innen etc., die sich nach Kindern erkundigen und so sozialen Druck ausüben. 

Der Ehemann fährt voll auf die „Fabrikgeschichten“ seiner Frau ab, auch auf ihre Schilderungen vom Dorf in den Bergen. Sie fahren dort hin, bleiben länger in dem alten Haus. Die Verwandten aus der Stadt holen sie zunächst zurück, setzen sie unter Druck. Doch sie kehren wieder in das Dorf zurück, richten sich ohne Geld in dem verlassenen Haus ein. Auch der erste Mann der Frau kommt hinzu. Im Winter wird es „eng“, Lebensmittel werden gestohlen, Energie gespart. Die drei Außenseiter-Existenzen driften vollends in ihre außerirdische Fantasiewelt ab. 

„Muratas Entwurf einer radikalisierten Kommune spitzt auf makabre Art und Weise das Streben nach alternativen Lebensweisen zu. Spöttisch zeigt die Autorin auf, dass es keine gesunde Existenz in einer kranken Gesellschaft geben kann“, meint literaturkritik. 

Cooles Buch, gegen Ende aber auch sehr drastisch.

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